Zur Geschichte des Olivenbaums

Geschichte des Olivenbaums (1)Der Mittelmeerraum gilt als Wiege unserer europäischen Zivilisation und ist auch die historische Heimat des Ölbaumes. Der Olivenbaum gedeiht besten im Mittelmeerklima. Ihm behagen die warmen, oft glühendheißen Sommer, die geringen Niederschlagsmengen und die sehr milden Wintertemperaturen.
Die ersten uns heute bekannten Zeugnisse gehen auf das Jahr 37.000 v. Chr. zurück; es handelt sich dabei um versteinerte Blätter, die auf der griechischen Vulkaninsel Santorin gefunden wurden. Am Rande der Sahara hat man Pollenspuren des Ölbaumes aus der Zeit um 12.000 v. Chr. gefunden.
In der griechischen Mythologie gilt Athene als Entdeckerin und Stifterin des Ölbaumes. Die Sage erzählt, daß Poseidon, der Gott des Meeres, und Athene, die Göttin der Weisheit, um die Herrschaft in Attika, dem späteren Land der Athener, stritten. Kekrops, der sagenumwobene erste König von Athen, sollte den Streit entscheiden. Er bestimmte, daß derjenige Sieger werden sollte, der den Bewohnern von Attika das nützlichere und wertvollere Geschenk machen würde. Poseidon spaltete darauf mit seinem Dreizack den Felsen auf der Akropolis, sogleich sprudelte eine salzhaltige Quelle hervor. Athene hingegen pflanzte den ersten Olivenbaum, worauf Kekrops ihr den Sieg zusprach. Denn der Olivenbaum sollte viele hundert Jahre alt werden. Auch sollte er Früchte tragen, die essbar waren und einen gar wundersamen Saft lieferten, das Olivenöl. Dieses könnten die Menschen zur Zubereitung ihrer Speisen, zur Pflege des Körpers, zur Heilung von Wunden und Krankheiten und außerdem als ständig brennende Lichtquelle in ihren Häusern verwenden.
Für die Griechen war denn auch die olea europaea die bedeutendste Kulturpflanze und in der Tat gab es im klassischen Altertum keinen Baum, der soviel Nutzen brachte, so wertvoll war und von den mediteranen Völkern so verehrt wurde wie der Olivenbaum.
Mit den Ausgrabungen in Mykene, in Tiryns und besonders in Troja trat Heinrich Schliemann den Beweis an, daß Homers Ilias und Odyssee nicht mehr nur reine Legenden, sondern Wirklichkeit und Teil der griechischen Geschichte waren. In beiden Werken erwähnt Homer den Olivenbaum und sein Öl so häufig, daß man davon ausgehen kann, daß zu seinen Lebzeiten die Ölbaumkultur weitverbreitet war.
Bei den Wettkampfspielen im klassischen Olympia zu Ehren des Zeus diente ein schlichter Kranz aus Olivenzweigen als Siegespreis und bis heute gilt der Ölzweig als Friedenssymbol (siehe auch das Emblem der UN-Friedenstruppen), nachdem die von Noah ausgesandte Taube den Ölzweig als Versöhnungszeichen Gottes zurück brachte.
Weder Archäologen noch Forscher vermochten bisher zu ergründen, wer es als erster wagte, die bitteren Früchte des Ölbaumes zu kosten, sie zu pressen und ihr wunderbares Öl zu trinken. Zwar ist durch verschiedene archäologische Funde erwiesen, daß bereits Menschen der Jungsteinzeit Olivenölvorräte in großen Tonkrügen lagerten, doch es gibt keine Hinweise darauf, wie sich der Olivenanbau in den ersten fünfundvierzig Jahrhunderten entwickelte.
Wenn man auch nicht mit Sicherheit sagen kann, wo die Kultivierung des Ölbaumes begann, finden sich bereits erste Spuren 4500 Jahre v. Chr. auf Kreta. Die glanzvolle und mächtige monoische Kultur beherrschte dieses Gebiet bis zu ihrem rasanten Niedergang im Jahr 1450 v. Chr. Der Zusammenbruch ist aller Wahrscheinlichkeit nach auf mehrere Erdbeben zurückzuführen, das Kreta im Anschluß an den Vulkanausbruch auf der Insel Santorin vollständig zerstörte. In den Palast-Ruinen von Knossos und Phaistos hat man nicht nur überdimensionale Ölvorratsgefäße aus Ton gefunden, den sogenannten pithoi, sondern auch beschriftete Tontafeln, die Auskunft geben konnten über damalige Anbauorte und Qualitätsstufen, über den Ölverbrauch der minoischen Provinzen und über den Handel mit Nachbarländern wie Syrien, Palästina und Ägypten.
Etwa ab 3.000 v. Chr. wurden Olivenbäume im Gebiet des „fruchtbaren Halbmondes“ – Phönizien, Syrien, Palästina und Ägypten – angepflanzt. Um 1850 v. Chr. begann der Anbau auch im restlichen Griechenland. Mit der Gründung neuer griechischer Kolonien in Italien, Südfrankreich und Spanien weitete sich die Ölbaumkultur nach und nach von Osten nach Westen im gesamten Mittelmeerraum aus. Im 16. Jahrhundert gelangte der Olivenbaum an Bord spanischer und portugiesischer Caravellen vom Mittelmeerraum aus über den Atlantik und wurde nun auch in Peru, Chile, Argentinien und Mexiko heimisch.

Der Ölbaum hat Zeit, er läßt sich nicht drängen, gerne macht er Windungen und Knoten, wo andere Gewächse kerzengerade aufschießen. Wenn bei diesen vor Altersschwäche das Früchtetragen schon wieder nachläßt, beginnt der Olivenbaum erst so richtig Früchte anzusetzen. Bis zu zwei Dutzend Jahre können verstreichen, bis ein neuer Setzling zum ersten Mal nennenswert ertragsfähig wird und nur in jedem zweiten Jahr ist mit üppiger Ernte zu rechnen.
Im Westen Kretas um die Dörfer Vouves, Astrikas und Deliana herum stehen die uns bisher bekannten ältesten Olivenbäume Europas. Man spricht bei einzelnen Bäumen von ca. 4.000 bis 5.000 Jahren. Noch immer bringen diese immergrünen wundersamen Bollwerke der Natur Früchte zur Reife und trotzen damit jeder menschlichen Vergänglichkeit.
Und doch kann in jedem knorrigen Stamm, den einzelnen Windungen, den zahlreichen Baumhöhlen und dem mächtigen Wurzelwerk durchaus menschliches erkannt werden. Ölbäume regen immer wieder aufs neue die Phantasie des Menschen an. Fast scheint es, als vermögen diese hölzernen Methusalemgestalten die gesamte Menschheitsgeschichte zu erzählen, aber nur demjenigen, der bereit ist, diese Geschichte auch zu hören.
Olivenbäume, ob sie nun majestätisch solitär oder in atmosphärisch dichten Hainen beisammen stehen, laden zum Verweilen ein. Hat man sich geraume Zeit am Fuße eines Ölbaumes niedergelassen, spürt man die Lebenskraft eines solchen Baumes und ein wenig findet man zu sich selbst, kommt zur Ruhe und empfindet den wohltuenden Schatten des dichten Blattwerks als ein kleines Geschenk der Götter.
Jetzt endlich ist man bereit, dem Geschrei der Zikaden zuzuhören, der sich ganz unmerklich in einen Gesang verwandelt hat, untermalt vom Rauschen des ewig währenden Windes in den Zweigen der Ölbäume. Wie ein wogendes Meer tanzen die silbriggrünen Blätter und Zweige im Wind und die menschliche Seele kommt zur ersehnten Ruhe.
Geschichte des Olivenbaums (2)

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