Atlantis – ein verlorenes Paradies?

Skizze Atlantis

In den Tiefen der Ozeane liegen die Geheimnisse einst fruchtbarer Länder wie Atlantis, und möglicherweise gibt sie das Meer eines Tages preis. Als Opfer großer Sintfluten, Seebeben oder Sturmwellen sind diese Länder heute Symbole eines vergangenen Goldenen Zeitalters, repräsentieren sie Romantik, Idylle und das verlorene Paradies.

Die erste Beschreibung des legendären Atlantis finden wir im Text Timaios des griechischen Philosophen Platon (ca. 427 – 347 v.Chr.). In seiner Erzählung schildert Platon dieses Atlantis als eine Gruppe von einzelnen Staaten, die in einem mächtigen Königreich zusammengefasst waren, mit einer in Priester, Jäger, Soldaten, Handwerker und Hirten untergliederten Gesellschaft. Deren kulturelle Errungenschaften bestanden u.a. darin, daß sie in befestigten Städten und Burgen lebten, Hafen- anlagen mit Schiffswerften bauten und über eine große Seeflotte und ein organisiertes Heer verfügten, mit Streitwagen und Waffen aus Metall. Atlantis soll den gesamten Mittelmeerraum beherrscht haben und mit einer idealen politischen Verfassung gesegnet gewesen sein. Als dann jedoch die Bevölkerung zunehmend dekadenter, agressiver und imperialistischer wurde, sandten die Götter eine Sturmflut, die das ganze Land verschlang. Atlantis ging unter ohne eine Spur zu hinterlassen.

Als Quelle für diesen Atlantistext verweist Platon auf seinen Vorfahren Solon (640 – 559 v.Chr.), der auf einer Ägyptenreise um 560 v.Chr. diese Geschichte von den Priestern der damaligen ägyptischen Hauptstadt Saïs erfahren haben soll. Solon zufolge existierte Atlantis ca. 8.000 Jahre vor seiner Zeit und lag jenseit der „Säulen des Herakles“. Nicht nur aufgrund dieser beiden verwirrenden Angaben ist viel über Atlantis spekuliert wurden. Man hat es überall vermutet und Orte wie der Kaukasus, die Niederlande, die Bahamas, die Arktis, die Mongolei, die Krim, Karthago, Malta, Iran, Australien, Spitzbergen, Ceylon, Brasilien, Preußen, Nord- und Südamerika, Marokko, Nigeria, Helgoland, Portugal, Spanien, Grönland sowie die Azoren zeigen in ihrer Bandbreite, daß sich der Mythos Atlantis problemlos in die jeweiligen Strukturen der religiösen Überlieferungen eingliedern ließe.

Eine neue, wissenschaftlich fundierte Grundlage bringt der Geoarchäologe Dr. Eberhard Zangger in die Diskussion um Atlantis ein. In seinem Buch „Atlantis – Eine Legende wird entziffert“ stellt Zangger die kühne These auf, daß die Geschichte um Atlantis nichts anderes ist, als die ägyptische Nacherzählung eines weltbekannten historischen Naturereignisses, wie etwa ein ungeheuerlicher Vulkanausbruch (Santorini) oder gewaltige Sintfluten – eines Berichts, der im Laufe jahrhundertelanger Überlieferung folgenschwer verzerrt wurde. Eine Zivilisation mit derart hohem Leistungsstandard wie von Platon beschrieben um etwa 10.000 v.Chr. anzusetzen, sei absurd, so Zangger weiter, und passe hingegen vielmehr zur späteren Bronzezeit (1400 – 1150 v.Chr.).

Eine mögliche Erklärung für die Abweichung der archäologischen Datierung von der in der Legende genannten Jahreszahl könnte sein, daß es zur Zeit Solons in Ägypten üblich war, das Jahr nach den Mondzyklen zu berechnen. Wären also von diesen vergangenen 10.000 Jahren anteilig 8.000 Mondjahre, die für die Umrechnung durch 12,37 (Anzahl der Monde pro Jahr) dividiert werden müssen, dann läge der tatsächliche Zeitpunkt antlantidischen Geschehens um ca. 1207 v.Chr., vorausgesetzt, die Ägyptenreise Solons fand wirklich 560 v.Chr. statt. Auch das biblische Alter von Adam (930 Jahre), Seth (912 Jahre), Methusalem (969 Jahre) und Noah (950 Jahre) wird erklärlich, hätte man deren Lebensspanne in Mondjahren gemessen. Umgerechnet auf unseren neuzeitlichen Kalender wären sie immerhin zwischen 75 und 78 Jahre alt geworden.

Eine weitere Entzerrung des Atlantis-Rätsels bietet Eberhard Zangger in geographischer Hinsicht: Vergleicht man die Land / See-Verteilung in Ägypten und der Ägäis, wird deutlich, warum man im damaligen Ägypten den Ausdruck „von den Inseln“ verwendete. Hat z.B. heute das Wort „Insel“ eine ganz klar umrissene Bedeutung, so war das in der ausgehenden Bronzezeit keineswegs der Fall. Für die Ägypter kamen fast alle Fremden von den Inseln. Da es in Ägypten praktisch keine Inseln gab, besaß das alte Ägyptisch hierfür kein besonderes Schriftzeichen. Die verwendete Hieroglyphe stand ebenso für „Sandstrand“ oder „Küste“ und wurde häufig als Bestimmungssymbol für „fremde Länder“ oder „Gegenden jenseits des Niltals“ benutzt.

Im Mittelmeer schließlich gibt es zwei enge Wasserstraßen, die in andere Meere führen: Die Straße von Gibraltar (in den Atlantischen Ozean) und die Dardanellen / Bosporus ( ins Schwarze Meer). Dem römischen Grammatiker Servius (um 400 n.Chr.) zufolge wurden beide Meerengen „Säulen des Herakles“ genannt: „Columnas Herculis legimus et in Ponto et in Hispania.“ (durch die Säulen des Herakles fahren wir im Schwarzen Meer wie auch in Spanien). Doch nur eine lag zur ausgehenden Bronzezeit in Reichweite der archäischen Schiffe, jene zum Schwarzen Meer.

In der Überlieferung markierten die „Säulen des Herakles“ das Ende der bekannten Welt. In der späten Bronzezeit endete die griechische Welt am Bosporus, während sie sich zu Solons Zeiten bereits bis nach Gibraltar erstreckte (in Südfrankreich war nur wenige Jahre vor Solons Reise nach Ägypten die griechische Kolonie Massilia, das heutige Marseille, gegründet worden, wodurch die Straße von Gibraltar erstmalig für griechische Schiffe erreichbar wurde). Durch den geographisch erweiterten Raum der Griechen wurde offenbar auch der mythologische Ort mit der Bezeichnung „Säulen des Herakles“ an die entsprechenden neuen Grenzen der bekannten Welt verlegt.

Infolge seiner umfangreichen Forschungen hat der Geoarchäologe Eberhard Zangger „sein“ Atlantis in Troja gefunden, und viele Erkenntnisse von den bisherigen Ausgrabungen um Troja zeigen in der Tat verblüffende Parallelen zu Platons Atlantis-beschreibung.

Ob nun Atlantis im Mittelmeer, im Atlantik oder in irgendeinem anderen Teil der Welt zu suchen ist, in jedem Fall bereichern Märchen und Legenden von versunkenen Welten Geschichte und Mythologie. Überbleibsel und Erinnerungen an solche Sagenwelten können immerhin einige interessante Einblicke in den Lebensstil vergangener Kulturen vermitteln. Vielleicht sind sie sogar der Schlüssel zur Entstehungsgeschichte unserer Zivilisation.

Der menschliche Wissensdurst, aber auch der Hunger nach Reichtum haben die Suche nach versunkenen Kulturen inspiriert. Aber erst in den letzten Jahren machte eine noch junge Wissenschaft von sich reden, die Unterwasserarchäologie. Ihr ist es zu verdanken, daß neben vielem anderen sogar Ruinen antiker Städte auf dem Meeresgrund gefunden wurden, und heute verfügt die Unterwasserarchäologie über hochentwickelte Hilfsmittel, um anhand der gemachten Funde die Geheimnisse des Meeres zu enthüllen. Spektakuläre Entdeckungen im Hafenbecken von Alexandria wie der Palast von Cleopatra oder Teile des in der Antike als eines der sieben Weltwunder geltenden Leuchtturms seien hier nur stellvertretend genannt.

Die versunkene Welt Atlantis hat ihre Ausstrahlung über viele Generationen hinweg nicht verloren. Auch mich als Künstler beschäftigt seit vielen Jahren dieser Mythos. Als ich vor einigen Jahren mit dem Tauchsport begann, der inzwischen zu einer Leidenschaft für mich geworden ist, erhielt meine künstlerische Begeisterung für Atlantis eine ganz neue Dimension. Zahl- reiche Bilder sind seither entstanden und immer neue Ideen kommen hinzu. Und solange Atlantis der Schleier des Geheimnis- vollen umgibt, solange wird auch meine künstlerische Inspiration und Suche nach meinem persönlichen Atlantis weitergehen.

Willy Dorn

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